Peter Weibel

Franz YangMocniks Materialcollagen

Der Periode von öl und Leinwand scheint auch in der Steiermark die Stunde geschlagen zu haben. In den 90er Jahren mehren sich die Anzeichen, daß eine methodische und konzeptuelle Vorgangsweise im historischen Medium der Malerei auch in der Steiermark angenommen wird. Dies ist umso erfreulicher, als der Aufschwung des Pinselschwungs in den wilden 80er Jahren ja großteils aus einer Betonung der konservativen Aspekte der klassischen österreichischen Moderne bestand, nämlich der Figuration des naiven Realismus und der/des pastosen Malweise/ Farbauftrags. Die buchstäblich dick aufgetragene Selbstbehauptung der Malerei in den 80er Jahren hat die nicht nur weltweit, sondern auch lokal schon vorliegenden Optionen einer Transformation der Malerei im Zeitalter der postindustriellen Revolutionen nicht nur nicht aufgenommen und weiterentwickelt, sondern im Gegenteil zurückgewiesen und unterdrückt. Die Malperiode der 80er Jahre erwies sich, sogar an steirischen Standards gemessen, als restaurativ; der Malakt als Akt der Restauration historischer Positionen. Dabei haben die Heroen der klassischen steirischen Moderne wie Aduatz, Pointner, Weber und andere (auch mit ihnen befreundete nichtsteirische Maler wie Bischoffshausen), die zu sammeln sich mit geringer öffenüicher Unterstützung die Neue Galerie bemüht, bereits in den 50er Jahren der Malerei Wege gewiesen, die über die üblichen Abstraktionsmethoden hinausgehen.

Nach der Phase der Abstraktion, die um die Jahrhundertmitte grosso modo abgeschlossen war, sind nämlich in der Malerei aus den Aporien der Abstraktion zwei neue Tendenzen zum Vorschein gekommen. Unter dem internen Einfluß der Untersuchungen der Eigenwelt der Malerei (die spezifischen Eigenschaften der Farbe wie Pigment oder Flüssigkeit, die verschiedenen Techniken des Farbauftrags wie Tropfen und Schütten, die Besonderheiten der Leinwand und des Formats, des Pinsels und des Rahmens etc.), die in der Spätphase der Abstraktion erfolgten, und unter dem externen Einfluß der neuen Technologien und Medien ist die Opposition Figuration-Abstraktion von der Opposition Materialität-Immaterialität abgelöst worden.

Die Malerei hat im Zuge ihrer Selbstanalyse und Selbstbegründung einerseits immer mehr ihre eigene Materialität und ihre eigenen Trägermedien untersucht und dabei immer mehr Materialcharakter angenommen, was zu einer Kette von materiellen Substitutionsoperationen führte (Leinwand wurde durch Holz, Eisen oder Aluminium ersetzt, Farbe durch Erde, Kiesel, Sand, Schnüre, Stoff, Lebensmittel etc.). Andererseits hat diese Selbstanalyse zu einer Selbstauflösung geführt, zu einer Aufhebung der Materialität in Richtung immaterielle Medien (siehe die Ausstellung -Les immateriaux« von J. F. Lyotard, Paris 1985), welche ebenfalls zu einer Reihe von, wenn auch anderen, Substitutionsoperationen führte (Licht statt Farbe, Raum statt Fläche, Bildschirm statt Tafelbild etc.). Zwischen diesen beiden Polen hat die Malerei neue Wege der visuellen Recherche beschritten, die insgesamt zu einer Mediatisierung und Konzeptualisierung der Malerei führten. Zwischen Materialität, Medialität und Immaterialität situierte sich die neue Malerei.

In der steirischen Klassik sind sehr früh, etwa um 1950, Anzeichen einer Materialmalerei aufgetaucht, die z. B. zu einer Durchlöcherung der Leinwand, zu einer Materialbesetzung der Fläche und zu einer malerischen Inversion des Raumes führte. In letzter Zeit haben glücklicherweise einige steirische Malerinnen, isoliert, offiziell gering unterstützt, diese Fäden der eigenen Kunstgeschichte, die von einer konservativen Kulturpolitik zerrissen worden waren, auf internationalem Niveau wieder aufgenommen. F. Penker dehnt die Malerei mit seinen bemalten angelehnten bitten und horizontal verbreiteten Holzplatten entschieden in den Raum aus. Der Spazialismo von L. Fontana wird in eine spatiale Malerei transformiert; in diesem Umkreis finden sich auch Aspekte der Arbeit von M. Erjautz. M. Kienzer, W. Reiterer wieder, ebenso die Arbeiten von E, Thümmel. Junge Künstlerinnen wie E. Strobl. R. Stanzl, G. Tagwerker, S. Hörtner und J. Bauer entwickeln entlang einer mediatisierten Bildkonzeption den Linearismus der Wiener Moderne weiter zu neuen Formen der Wand- und Tafelmalerei (mit Bezug auf Denkfiguren oder Massenmedien). W. Schimpl schlägt mit seinen Röntgenphotos und Glasobjekten ebenfalls den Weg der Immaterialisierung der Maleret ein.

Auch Franz YangMocnik hat sich in seiner jüngsten Produktion auf überraschende Weise aus dem Sumpf des Farbbreis gezogen. Beginnend mit riesigen Bildfeldern aus schweren bunten Stoffen und aus dick aufgetragenen Farbmassen (Pu-Schaum), die wie kompakte, fast dreidimensionale Bildobjekte wirken, Farbmassive, die nicht von ungefähr Bergmassiven und von oben gesichteten Landschaften, dreidimensionalen Landkarten gleichen, hat er sich in das Feld der Materialmalerei eingearbeitet. Schlußendlich hat er es geschafft, als einer der ganz wenigen in der steirischen Malerei, sich von den klassischen Materialien der Malerei, nämlich Öl und Leinwand, zur Gänze zu befreien und Bilder nur aus Glas und farbigen Stoffen zu -malen«. Die Dispension von Dispersion, Ölfarbe und Leinwand gibt diesen reinen Materialbildern eine mediterrane Leichtigkeit, die an die späten Farbpapierexperimente von Matisse erinnert. Der Ersatz von Pinselschwung durch Faltenschwung, die durch die Überlagerungen mehrerer farbiger Stoffe erzielten Farb-Additionen und -Subtraktionen treiben die klassische Methode der Schichtenmalerei auf ungewohnte Weise voran: Statt Farbschicht auf Farbschicht, die zudeckt, kommt es zu Stoffschicht auf Stoffschicht, die transparent bleibt. Die Transparenz der Stoff-Malerei wird verstärkt, logisch richtig und formal stringent, durch die Transparenz des Glases. Ein Grundaxiom der europäischen Moderne, Transparenz als Folge von Rationalität, die sich selbst begründet, wird hier malerisch visualisiert. Eine Materialmalerei, ganz ohne Ölfarbe und Leinwand, nur mit leichten Stoffen und Glas, erreicht das Paradox, der Faszination der Farbe und der Kritik der Selbstreferenz in gleichem Maße zu erliegen.

Mit dieser Ausstellung versucht das Museum mit dem widersprüchlichen Namen Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, seiner Aufgabe der Kalibrierung und Orientierung nachzukommen, im Widerstand und im Wissen, daß die öffentliche Aufmerksamkeit für Kunst in einem reziproken Verhältnis zur kulturpolitischen Aufmerksamkeit für massenmediale Unterhaltung steht.

Peter Weibel, geboren 1944 in Odessa. Er studierte Literatur, Film, Mathematik Medizin und Philosophie in Wien und Paris. Künstler, Ausstellungskurator sowie Kunst- und Medientheoretiker.